Samstag, 3. November 2007

Canibus - Rip The Jacker


Tracklist:
01 Intro
02 Genabis
03 Levitibus
04 M-Sea-Cresy
05 No Return
06 Spartibus
07 Indibisible
08 Showtime at the Gallow
09 Psych Evaluation
10 Cemantics
11 Poet Laureate II

Release: 22. Juli 2003
Label: Babygrande



Man kann Canibus nicht vorwerfen, sein Output wäre zu gering. Doch was ihm auf allen seinen Alben das Genick gebrochen hat, waren seine Beats. Egal wie schlecht er auf sämtliche Producer dieser Welt zu sprechen ist, er ist doch auf sie angewiesen. 2003 befindet sich dieser außergewöhnliche Rapper auf Babygrande Records, einem Synonym für guten HipHop. Und für sein erstes Release kann er den Beatmacher der Jedi Mind Tricks, Stoupe The Enemy Of Mankind, für sich gewinnen. Somit sollten ihm diesmal ihm gerecht werdende Beats gesichert sein.

Und gleich zu Beginn kann gesagt werden, das ist auch der Fall. Was die Beats betrifft ist dieses Album wohl eines der abwechslungsreichsten der letzten Jahre. Antike, griechische Klänge sind hier ebenso zu finden wie mittelamerikanisch- oder asiatisch-beeinflusste Songs oder natürlich auch stampfende Hymnen, die man von Stoupe schon gewohnt ist.
Der erste Streich ist "Genabis", eine der Hymnen dieses Albums. Zu Glockenspiel und dramatischen Chorgesängen gibt Canibus seine Schöpfungsgeschichte wieder. "In the beginning I discovered wordplay / I experimented with some syllables / from the first to the third day / On the fourth I searched / for the words to say / How to compress complex verbiage in the least amount of space / I was perfect at it / and mastered the tactics / On the fifth day I decided I would combine it with mathematics / On the sixth day I became a fanatic / and I couldn't kick the habit / I would just look in the mirror and practice / On the seventh cycle / I had to take the day off / I was exhausted / I guessed my work'd never pay off". Man kann natürlich hinterfragen, ob solche Wortakrobatik sinnvoll ist, oder eine Message dahinter steht. Doch bei solch bewegendem Sound und der Kunst, die Canibus aus dem Rap entfaltet, bei der Einzigartigkeit solcher Tracks, sollte dieser Frage eigentlich nicht bedeutend ins Gewicht fallen.

Denn Canibus ist ein Poet, es ist schlichtweg ein Genuss seinen Wortspielen auf diesem Album zu lauschen. So bedient sich Stoupe auch in "Levitibus" diversen Gesängen im Hintergrund, um einen weitere einmalige Kulisse für die treibenden Drums zu schaffen. Dazu fasst Canibus seine eigene Ungalublichkeit in Worte, um dem Hörer dann feinste Battle Raps zu liefern, die sich u.a. gegen den sinnlosen "Material-Rap" richten. "Even my worst album was sublime / If I don't slow down, I'll distort the timeline". Oder in Verse 3: "They look at me like "poor bastard" / Why can't you manipulate billboard with all your metaphor magic? / No matter how I hard I practice / Every microphone I saw, I grabbed it / Obviously that's the wrong tactic". Abschließend fällt noch eine Line auf, in der Canibus sein eigenes Problem zugibt: "Lyrically I'm the illest when my beats is OK". Doch die Beats sind hier mehr als OK.
"M-sea-cresy" besitzt wie schon "Levitibus" einen Chorus, der sich aus Stoupe's Scratches und gecutteten Samples zusammensetzt, die er hier über eine griechisch angehauchte Gitarre und gepitcht singende Stimmen jagt. Dazu dürfen natürlich ein paar Wortverrenkungen von Canibus nicht fehlen. "See the reason there is no light at the end of the tunnel / Cause we really not in a tunnel / we're trapped in a bubble / With government hierarchy / and the dreads of society / Can you explain why you believe hell is fiery? / We suffering from symptoms of drapetomania / Slavery isn't over, it just took a new alias".

Nächstes Stück ist "No return", für das Stoupe Rhythmus und Instrumente verwendet, die durchaus nach Reggae klingen. Dazu erzählt Canibus in 3 Verses jeweils in perfektem Story-Telling eine kurze Geschichte, die immer mit seinem Tod endet. Story 1 spielt sich in der Zukunft ab (..."Before the final earthquakes came but it was too late / Only one-eighth of the human race escaped to space"), und Story 2 und 3 in Krisengebieten (wahrscheinlich Afghanistan), was auf Canibus' Dienst bei der Army zurückzuführen ist. In Story 2 wird er bei dem Zusammentreffen mit 3 Taliban erschossen (und nicht umgekehrt, sowie fälschlicherweise in einem anderen Review angedeutet), während er in Story 3 den Tod in einem brennenden Gebäude findet, bei dem Versuch, eine Frau zu retten. Sehr hörenswert.
"Spartibus" ist wohl die Kreuzung von Spartakus und Canibus. Und wenn die Disziplin der Gladiatoren das Rappen gewesen wäre, so tut Canibus sein Bestes, um Anspruch auf den Champion-Titel erheben zu können. "The royal semen of Caesar frozen in a cryofreezer / On sale for seven figures per milliliter / Lethally illegal I speak to the people / In the form of an eagle, on top of the Thebes Cathedral". Der Beat kann irgendwo zwischen "asiatisch" und "altertümlich-europäisch" angesiedelt werden. Fest steht nur, dass Stoupe wieder eine ausgezeichnete Leistung abgeliefert hat.

Dann packt Stoupe den Hörer in ein Flugzeug und macht sich auf nach Lateinamerika, um Canibus' nächster Show einen lockeren, mit gepitchten Voice-Samples unterlegten, Bühnenboden zu basteln. In "Indisible" huldigt sich Canibus in köstlichster Weise selbst. "Off lyrics alone I'm a legend / But I can't take credit, the English language was not my invention / It's the way I put it together, the incorrect English editor / Can't nobody ever do it better". Seine Intention stellt er dann auch noch gleich klar: "Hip hop forever / That's what I see when I look in the mirror / Regardless of whether / I'm not a bestseller / I'm a first class spitter, the literal literature ripper / Painting pictures for intelligent listeners". Das ist nichtmal Übertreibung, denn dieser Wortsalat den er von sich gibt, ist ohne Zweifel erste Klasse.
Der Sound bleibt in "Showtime at the gallow" weiter in Lateinamerika, wie in den meisten Tracks besteht der Chorus auch hier wieder aus zusammengeschnittenen Samples. Inahltlich besteht der Song aus meist unzusammenhängenden monströsen Lines mit Aussagen wie: "Can-I-Bus, before the Big Bang / And after the big crunch, I only gotta say it once".

In den letzten 3 Tracks beendet Stoupe seine Sound-Reise um die Welt, um dunkle Wolken aufziehen zu lassen, und die Stimmung dramatisch ins Düstere abfallen zu lasse. Es lässt sich auch eine konstante Steigerung feststellen. Ist "Psych evaluation" noch ein recht langsamer, mit vielen Samples (u.a. mal wieder von Prodigy) versehener Kopfnicker, so rückt das Album dem Weltuntergang in "Cemantics" doch ein ganzes Stück näher. Hektisch tiefgreifende Streicher schlagen sich über der Welt nieder, während Canibus mit seiner einmaligen, rauhen, Stimme gegen eine Armee von Fanfaren ankämpft. Und nur hier, auf diesen Beat-Monstern, kann er sein Können voll entfalten, wenn ihm eine Beat-Kulisse gegenübersteht, die ebenso pompös ist wie seine Raps und seine Stimme. Und er wettert wieder mit vollem Einsatz. "Please, try to interprete the following passage / Magenetohydrodynamic mechanics / Translated into Canibus language you'll never understand it".
Den Ausstieg gibt "Poet laureate II", auf dem Stoupe zu Beginn einen düster-dramatischen Beat auffährt, um dann im Mittelteil einen fast lockeren Beat einzuwerfen, der zum Ende hin auf wunderbarste Weise wieder in den Anfangsbeat überfließt. Auf unglaublichen 7 Minuten spittet Canibus bis zum Kollaps seiner Lunge. Zum Abschluss können hier die letzten Lines dieses genialen Songs zitiert werden: "Yo, I meant it when I said no one can shine on a song that features me / That's why I said it so vehemently / You need to replace the hate with respect / I'm probably the best yet / Poet Laureate".


Fazit:
Wer Canibus-Alben wegen schlechter Beat-Wahl verschmäht, der hat an diesem Album nichts zu kritisieren, sofern er nicht zufällig eine Allergie gegen Stoupe The Enemy Of Mankind hat. Canibus rappt in einer anderen Welt, in der sowohl Bling Bling, Bitches, als auch halbherzige Conscious-Aussagen nicht existieren. Wer das nicht akzeptiert, der sollte sich "Rip The Jacker" nicht anhören. Doch wer einfach Wortakrobatik in einer Form hören will, wie man sie bei keinem anderen Rapper vorfindet, der ist hier richtig.

Gesamtwertung: 9.4 / 10

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