Donnerstag, 1. November 2007

Capital D - Insomnia


Tracklist:
1. The Awakening
2. Start The Revolution
3. Live On Arrival
4. Culture Of Terrorism
5. Miss America
6. Enough Already
7. Vent
8. Toy Soldiers
9. Blowback
10. Mississippi
11. U Still Ain't Ready
12. Renegades feat Ali & Tree
13. 1984
14. Transformations feat Mr. Greenweedz
15. Iman

Release: 24. August 2004
Label:
All Natural Inc.



Capital D stammt aus Chicago und bildet dort zusammen mit Producer Tone B. Nimble die Gruppe All Natural. Nachdem er sich für sein erstes Solo-Album mit den ebenfalls aus Chicago kommenden Producern Molemen zusammengeschlossen hat, bringt er der Menschheit 2004 ein weiteres Geschenk, und das ganz in Eigenproduktion. Zudem ist "Insomnia" eines der politisch geladensten Alben überhaupt.

Wenn man über dieses Album ein paar Worte verliert, muss man sich entscheiden zwischen dem musikalischen Aspekt oder den Inhalten. Denn vor allem über sämtliche Aussagen dieses Werks könnte man seitenlang schreiben. So wird der Fokus hier diese Seite nicht voll bedienen, sondern auch und vor allem der musikalischen Seite Aufmerksamkeit zuwenden. Und die hat es in sich. Man merkt ganz deutlich, wie gut es dem Album tut, dass Cap D alles selbst produziert hat. Es erfolgt eine perfekte Abstimmung zwischen der Stimmung die die Beats erzeugen und Cap's Texten. Diese Stimmung ist im Übrigen der von New Yorks Straßenhymnen aus den 90ern nicht unähnlich.
Zu Beginn des ersten Tracks hört man eine alte verkratzte Schallplatte laufen, während ein Klavier ein paar Töne spielt. "The awakening" legt dann mit einem Sample von KRS-One los, das fordert: "Wake up!". Der Track hat etwas wunderbar monotones, das Klavier wie auch die Drums versprühen einen unvergleichlich angestaubten Charme, zu dem nichts besser passen könnte als Capital D, der mit sich mit seiner trüben Stimme und seinem ausgezeichneten Flow in meisterhaften Wortspielen ergeht.
Time to "Start the revolution" heißt es dann auf einen weiteren großartigen Beat. "So, patrolin' plantations without whippin' a shotgun / Color don't matter, it's just the fact that you got one / They ain't fightin poverty, they fightin' the poor / And every couple of years they just declare a new war". Während andere Rapper in ihren politischen Rhymes mit solchen Aussagen um sich werfen, ohne näher darauf einzugehen, kann Cap seine Lines mit einem soliden Hintergrund- und Faktenwissen anreichern, was seine Tracks noch besser macht. "Think about it, Tony Blair and his people is rich / George Bush, we all know that nigga is rich / Osama Bin Laden, yeah that mad man is rich / And they be sendn' the poor to die man, ain't that a bitch?".
Die nächste Bombe lässt nicht lange auf sich warten, für "Live on arrival" fährt Cap ein dreckiges Piano zusammen mit pumpenden Drums auf, um dem Hörer ein weiteres einmaliges Hörerlebnis zu garantieren. Der Traumstart wird auch traumhaft fortgesetzt, es folgt ein weiterer Kracher, "Culture of terrorism". Scharf geschossen wird gegen das soziale System innerhalb Amerikas: "They got us living by a code that is makeshift / Cause in your heart kid you to scared to break with / The system that dissed you, and forgets you / Refuses to lift you / It either seeks to enlist you, or commits you / But never to permit or admit you". Desweiteren bekommt auch die Außenpolitik der US-Regierung ihr Fett ab, ebenso wie Cap ein Wort zu den Misständen im ehem. Burma verliert. "And in former Burma you ain't nerver heard no murmur / Cause the dispossessed poor are in sweatshops".
Die nächste Nummer nennt sich "Miss America", in der Cap auf nachvollziehbare Art und Weise seinen Konflikt zwischen der Liebe zu seiner Heimat und den Problemen, die er als rational denkender Mensch mit seinen gesellschaftlichen und sozialen Eigenheiten und Fehlern hat, schildert. "Instinctively I’m gonna stand and protect her / But what she do makes it hard to respect her".... "Miss America, hangin out with Miss Information / And her twin-sister, Miss Communication".
Der nächste Angeklagte auf Cap'd Liste ist Mr. Hip Hop. "...Young thugs willin' to bust / I honor that, but all we really killin' is us". "Enough already" richtet sich gegen die "So called tough cats", die "Ice-grilled bluff Raps", den "Cristyle Bacardi Crap" und die "Punk ass party Raps". Das zu den aggressiven Raps passende Beat-Gerüst steht sehr im Gegensatz zu dem ruhigen "Vent". "What’s the use of hip hop if it’s not / Liberating and facilitating something better". Natürlich eine etwas einseitige Betrachtung, doch der Fingerzeig ist angekommen.
Anschließend folgt eines der besten Stücke des Albums. "Toy soldiers" ist ein Meisterstück an Minimalismus. Minimal eingesetzte Snare Drums und eine E-Gitarre erzeugen eine phänomenal bedrückende und düstere Atmosphäre zu denen Capital D mit seinem einmalig dunklem Flow wie ein Uhrwerk seine Rhymes droppt. Dieses Stück macht sogar einen Prodigy auf "Shook ones pt. II" neidisch. "As we get older, streets get colder / And you're a heat holder, still a toy soldier", so der von einem Sample durchsetzte Refrain. Der Einstieg in diesen Track spielt auf ironische Art und Weise auf eine von Prodigy's bekanntesten Lines hin: "There's a war going on INSIDE, no one is safe from".
Sehr leise und langsam beginnt die nächste politische Bombe. "Blowback" wird aus Zeiten des römischen Imperiums definiert, wie das Sample zu Beginn erklärt. Die gefährlichsten Aufstände gegen das Imperium sind alle von vom römischen Militär ausgebildeten Männern geführt worden, so das Sample. Dementsprechend ist ein Blowback die Heraufbeschwörung des eigenen Untergangs, bzw. die selbstverschuldete Konsequenz des politisch korrupten Systems. Natürlich beschäftigt sich Cap inhaltlich, wie in den ersten Tracks, mit allen möglichen innen- und außen-politischen Dingen. Zusammengefasst, ein weiteres geniales Stück.
Dann legt das Album eine Pause ein. "Mississippi" ist ein Instrumental. Sehr ruhig und sehr langsam spielt eine Gitarre zu einem tiefen E-Bass. Es erfolgt keine nennenstwerte Steigerung, sondern der Song spielt einfach vor sich hin. Eine sehr eigenwillige Idee von Cap, hier dieses Stück einzuschieben. Hier kann sich die ganze aufgebaute mentale Spannung wieder entladen, um den Hörer in einen sehr beruhigten Zustand zu versetzen. Doch dem ist nicht lange so. Denn der nähste Track legt gleich wieder voll los. Mit einem "Are you ready?!" wird man aus seiner Ruhe gerissen. "U still ain't ready", das ist Cap's Fazit.
Die ersten Feature-Gäste erwarten einen auf "Renegades", das von wahren Streicher-Stürmen geleitet wird. Doch sowohl Ali als auch Tree werden von Cap's Verse in den Schatten gestellt. In 40 Sekunden lässt er einen Wortschwall los, anscheinend ohne auch nur einmal Luft holen zu müssen. Sehr beeindruckende Vorstellung. Das nächste Meisterstück nennt sich "1984", ein schlichtweg genialer Beat begleitet Cap's Zeitreise, die in den Afghanistan-Krieg führt. Natürlich lässt Cap es sich nicht nehmen, auf die Verbindung der Bush- und der Bin Laden-Familie hinzuweisen. "Once upon a time in this dream world America, before them hi-jackers brought home mass hysteria" leitet er sein Traktat ein. Außerdem weißt er auf die Unterstützung, die die USA den Taliban im Kampf gegen die Sowjetunion entgegenbrachte, hin, denn für ihn reflektiert sich diese Handlung knappe 20 Jahre später auf die politische Situation zurück.
Der schlechteste echte Track des Albums kommt zum Schluss und in Form von "Transformations". Hierfür ist nicht der Inhalt der Lyrics oder das Feature von Family Tree-Mitglied Mr Greenweedz verantwortlich, sondern einfach der "nur" solide Beat. Den Ausstieg macht mit "Iman" wieder ein Instrumental, das jedoch nicht ganz so erfreulich wie das erste klingt (Und overall, der schlechteste Track, ist).


Fazit:
Dieses Album ist ein Klassiker. Einerseits, da sein Sound atmosphärisch so kompakt und gelungen ist, wie man es selten vorfindet, und andererseits, da Insomnia eines der politisch tiefreichendsten Alben der Rap-Geschichte ist. Cap D analysiert ein Meer aus Fakten, verknüpft sie mit seinen muslimischen Ansichten, seinem logischen Verstand und seiner Kritik am System, sowie seiner Herkunft aus Southside Chicago. Natürlich bleibt auch er der Welt gewisse Antworten schuldig, doch er will nicht den Nobell-Preis erhalten, sondern schlichtweg den HipHop als Medium benutzen, um seinen Hörern eine Message mit auf den Weg zu geben. Die Wertung hätte noch besser ausfallen können, hätte er anstatt des letzten Instrumentals noch einen seiner genialen Tracks mit auf das Album gepackt.

Gesamtwertung: 9.5 / 10

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